Das Ver-störende an der Zer-störung

„Disruption“ ist einer der zahlreichen Begriffe aus der Management- und Wirtschaftssprache, die in den letzten Jahrzehnten ohne Übersetzung aus dem Englischen übernommen worden sind. Dieser Begriff wurde vor etwa 20 Jahren durch den Harvard-Professor Clayton M. Christensen geprägt, der damit die Auswirkungen der neuen digitalen Technologien auf das Wirtschaftsleben beschreibt. 2015 wurde „Disruption“ aufgrund der Häufigkeit, mit der dieses Wort in deutschsprachigen Medien verwendet wurde, zum Wirtschaftswort des Jahres.

Dass das Englische (auch) in der Wirtschaft die prägende Sprache für das Benennen neuer und bedeutender Phänomene ist, war allerdings nicht immer so. Es gab Zeiten, da leisteten deutsche und österreichische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wesentliche Beiträge zum Fach, sodass ursprünglich deutsche Fachbegriffe erst im Englischen etabliert werden mussten. Der große österreichische Ökonom Joseph Schumpeter prägte vor 100 Jahren bereits den Begriff der „schöpferischen Zerstörung“, um zu beschreiben, wie neue Erfindungen und Ideen aus den Bereichen Technik, Wissenschaft oder auch Kunst zu Produkten und Dienstleistungen führen können, die eine Branche, ein Marktsegment oder die gesamte Wirtschaft aus dem Gleichgewicht bringen und völlig neue Standards setzen können.[1]

Altes vergeht, Neues entsteht

„Creative destruction“ wurde deshalb im Laufe des 20. Jahrhunderts ein gängiger Begriff, um zu beschreiben, was Unternehmerinnen und Unternehmer tun, um zum Wirtschaftswachstum beizutragen: Sie bewegen sich an der Schnittstelle zur Technik, zur Wissenschaft oder zu kreativen Fächern wie Design und Architektur. So lernen sie zu verstehen, wie neue Ideen und Impulse in bahnbrechende Geschäftsideen verwandelt werden können. Dadurch verändern sich Märkte, werden neue Kundenbedürfnisse geschaffen, entstehen neue Produktions- und Organisationsweisen. Im Prinzip funktioniert jeder Lernvorgang so: Eingefahrene neuronale Verbindungen werden aufgelöst, damit sie neu verschaltet werden können. Das Gewohnte wird infrage gestellt, ausgetretene Pfade werden verlassen. Die Idee dahinter ist, dass Neues entstehen kann, wenn alte Verbindungen durchtrennt werden. Unternehmer verhalten sich zwar zerstörerisch, weil sie sich über gewohnte Handlungsweisen hinwegsetzen, aber nur so können sie neue Handlungsweisen erzeugen.

„Disruption“: Von der Zerstörung zur Verstörung

Wenn heute von „Disruption“ oder „disruptiv“ die Rede ist, dann klingt in der Wortbedeutung etwas Ähnliches durch.

Das lateinische Verb „disrumpere“ heißt „zerplatzen“, „zerbrechen“, „zerreißen“. Im Englischen sind diese Wortbedeutungen erhalten, das Verb „to disrupt“ heißt „unterbrechen“, „trennen“, „zerbrechen“ „stören“.

Dennoch verweisen die Wörter „disruptiv“ und „Disruption“ noch auf etwas Anderes. Der Unterschied zum Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ liegt vielleicht darin, dass mit der „Digitalisierung“ so tiefgreifende Veränderungen verbunden sind, dass von ihnen nicht nur eine „zerstörende“, sondern eine „verstörende“ Wirkung ausgeht. Wir leben zweifellos in einem epochalen Wandel, und in Bezug auf das, was künftig passieren wird, stehen einander euphorische und apokalyptische Vorstellungen gegenüber. Werden die neuen Technologien von Big Data bis hin zu Künstlicher Intelligenz im Sinn einer schöpferischen Zerstörung eine Befreiung menschlicher Potenziale bedeuten, sodass wir unsere Welt besser, sozialer, ökologischer machen können? Oder werden sich die verstörenden Kräfte, die wir entfesseln, irgendwann gegen uns wenden?

Letztlich geht das Thema der „Disruption“ weit über wirtschaftliche Belange hinaus. Einerseits müssen wir die Frage stellen, ob und wie es möglich ist, wirtschaftliches Wachstum mit ökologischer Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen.

Die Auswirkungen der Klimaerwärmung sind weithin sichtbar, und auch andere Formen der Umweltschäden durch Industrie und Technik gefährden den Lebensraum für künftige Generationen – Plastik in den Weltmeeren usw. Können die neuen Technologien uns dabei helfen, diese Probleme anzugehen? Andererseits müssen wir uns fragen, wie ein „vernünftiger“ Einsatz „intelligenter“ Technologien künftig aussehen kann. Potenziell können wir viele Entscheidungen und Abläufe an Algorithmen und „lernende“ Software abgeben – aber das entbindet uns nicht der Verantwortung, über die Voraussetzungen und Folgen solch automatisierter Entscheidungen nachzudenken. Wenn wir uns nicht mehr über einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Technologien verständigen würden, dann wäre das wie eine Fahrt in einem selbstfahrenden Auto, dem wir nur den Kollisionskurs beigebracht haben.

 

Autor: Klaus Neundlinger

 

[1]Joseph Schumpeter (1911): Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Berlin: Duncker&Humblot.