Nach der Schule und dem Zivildienst bin ich nach Berlin gezogen, um mich dort für ein Studium zu bewerben. Alles neu, alles anders. Natürlich wurde ich noch von meinen Eltern unterstützt, aber Geld war dennoch knapp und somit war ich immer auf der Suche nach Jobs und Möglichkeiten, Geld zu verdienen.

Zur selben Zeit eröffnete jemand in meinem Freundes- und Bekanntenkreis ein Café. Der Eigentümer hatte den Anspruch, bodenständiges und ehrliches Essen, guten Kaffee und Kuchen ohne großen Schnick-Schnack anzubieten. Das gelang und das Café war im ersten Jahr so erfolgreich, dass zeitweise sogar das Personal knapp wurde.

Von Porzellanbergen und Rettungseinsätzen

Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich in solchen Fällen womöglich aushelfen könnte. Ich habe zugesagt und einige Tage später bekam ich einen Anruf mit der Frage, ob ich am Nachmittag eine Schicht als Spüler übernehmen könnte. Nachdem ich allerdings nie in der Gastronomie gearbeitet hatte, fühlte ich mich während der Schicht eher als Belastung denn als Hilfe. Neben mir befanden sich konstant Berge aus Porzellan und immer wieder musste jemand anderes aus der Küche einspringen, um zu verhindern, dass ich von einer abgehenden Lawine aus Untertassen verschüttet werde. Zwischenzeitlich dachte ich, ich hätte den Unmut der gesamten Belegschaft auf meiner Seite und würde nie wieder zum Aushelfen eingesetzt werden.

Dem war aber ganz und gar nicht so. Am Ende meiner Schicht wurde mir von allen gedankt, dass ich da war, und ich bekam meinen Anteil am Trinkgeld. Bis ein neuer Mitarbeiter gefunden wurde, half ich noch einige Male aus.

Diese Einsätze liefen nie wesentlich besser als der erste, aber der restliche Ablauf war immer der gleiche. Mir wurde herzlich gedankt und ich bekam meinen Anteil am Trinkgeld. Als dann das einjährige Jubiläum anstand, wurde ich ganz selbstverständlich zur Feier eingeladen und wie alle anderen festen Mitarbeiter in die Feierlichkeiten eingebunden.

Im Nachhinein erzählte ich meinem besten Freund davon und berichtete ihm von meiner Verwunderung darüber, dass ich jedes Mal ganz selbstverständlich Trinkgeld bekam, obwohl ich nie mit Kunden zu tun hatte. Und dass mich noch mehr verwunderte, dass ich zum Jubiläum eingeladen wurde, obwohl ich doch nur wenige Male ausgeholfen hatte. Dieser war jedoch gar nicht verwundert und entgegnete mir:

„Wieso? So sollte es doch sein. Niemand ist unwichtig.“

Von falschen Annahmen über Wertschätzung

Mit diesen drei Sätzen sagte er etwas, das mir noch Jahre später im Gedächtnis geblieben ist. Denn einerseits hatte ich scheinbar einige Annahmen verinnerlicht, welche sich in dieser Situation als falsch herausstellten. So ging ich davon aus, dass meine Position am Spülbecken weniger wert war als die der Service-Kräfte mit direktem Kundenkontakt und ich deshalb auch kein Trinkgeld bekommen sollte. Außerdem nahm ich an, dass ich aufgrund meiner wenigen Einsätze kein vollwertiges Mitglied der Belegschaft sei und auch nicht entsprechend behandelt werden müsse.

Andererseits hat mir dieses Erlebnis gezeigt, dass die Leitung des Cafés erkannt hat, dass hier eine gemeinschaftliche Leistung erbracht und von allen getragen und ermöglicht wird. Meine Verwunderung über eine solche Haltung deutet also vor allem darauf hin, wie leicht ich und auch andere annehmen, dass der Ort des Verkaufs oder die Person, welche den Verkauf abschließt, einen wertvolleren Beitrag leistet als andere Arbeiten im sogenannten „Hintergrund“.

Vor dem Hintergrund = hinter dem Vordergrund

Abstrahiert könnte man dies auch so beschreiben, dass es nur vor einem Hintergrund möglich wird, im Vordergrund zu stehen und umgekehrt. Etwas konkreter hieße das, dass ich mit meiner eher mittelmäßigen Leistung mein Möglichstes getan habe, um den Hintergrund zu bilden, vor dem andere im Vordergrund stehen konnten. Meine Aufgabe bestand also gerade auch darin zu verhindern, dass sich dieser Hintergrund in Form von dreckigen Tellern in den Vordergrund drängt.

Das schien die Leitung des Cafés grundsätzlich verstanden zu haben und brachte allen Beteiligten dementsprechend die gleiche Wertschätzung entgegen. Auch wenn mancher nun einwenden möchte, das sei eine banale Einsicht, so hat diese banale Einsicht doch bleibenden Eindruck hinterlassen. Denn ganz im Sinne der gegenseitigen Abhängigkeit von Vorder- und Hintergrund könnte man auch behaupten, dass diese grundsätzliche Wertschätzung nur vor einem Hintergrund verbreiteter und verinnerlichter falscher Annahmen einen solchen Eindruck hinterlassen kann.

 

Autor: Sascha Vogel