Power or Violence?

Was unterscheidet Macht von Gewalt? Die Politik-Theoretikerin Hannah Arendt [1] hat sich unter dem Eindruck der Studentenrevolte von 1968 ausführlich mit dieser Frage beschäftigt und schreibt, dass „Macht keine Rechtfertigung benötigt, da die Macht allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhärent ist.“ Was sie allerdings braucht, ist die Legitimität: die Gewalt, sich durchzusetzen. Gewaltenteilung sorgt im politischen System für Kontrolle und Machtausgleich. Dort, wo die Macht aus mangelnder Übereinkunft und Einvernehmen nicht überzeugt und zum gemeinsamen Handeln führt, schlägt daher die Gewalt durch. 

„Das Problem der Gewalt ist dunkel …“

… beginnt die Philosophin Claudia Simone Dorchain [2] ihre Kritik an der These Arendts, dass Macht und Gewalt einfach zusammengehören: Gewalt als eskalierende und überschießende Macht. Ist aber Gewalt einfach die Steigerung der Macht und führt daher konsequenter Weise jede Form von Macht unweigerlich zu Gewalt? Die Philosophin widerspricht der Politik-Theoretikerin und unterscheidet grundsätzlich zwischen Macht und Gewalt: 

Macht ordnet und erklärt durch Sprache, Gestik und Auftreten die Ordnung im System – sei es der Staat, das Unternehmen oder die Familie –  während die Gewalt stumm unterhalb der sprachlichen Ebene die Ordnung erzwingt. So gesehen, entwürdigt Gewalt den Menschen, der sie erleidet. Macht dagegen sucht das Verständnis, das Einverständnis des Gegenübers und macht ihn zum Mitgestalter der Ordnung.

Unternehmenskultur: Autorität statt Gewalt ist Macht

Was in der Politik durch Verfassung und Gewaltenteilung geregelt ist, verläuft sich in Unternehmen oft in Grauzonen zwischen Arbeitsrecht, Unternehmensziel, Arbeitnehmervertretung und der Haltung des Arbeitgebers zu seinem Team. Der Chef, der sich auf die Durchsetzungskraft seiner Position verlässt, glaubt sich um seine Autorität als fachliche und soziale Kompetenz nicht scheren zu müssen. Allerdings vergisst dieser Chef dabei das Sozialkapital, das das Unternehmen ausmacht: 

Wo die Ordnung des Unternehmensziels ohne Gewalt im Einvernehmen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vereinbart, geklärt und angestrebt wird, wachsen soziale und wirtschaftliche Produktivität Hand in Hand. Die Mächtigen sitzen dann nicht nur in den Führungspositionen, sondern in allen Bereichen des Unternehmens. 

Die „Führungsposition“ nimmt ihre eigene Aufgaben wahr, ohne sie durch falsch verstandene Macht – nämlich mit Gewalt – durchzusetzen. Die Autorität des Chefs braucht keine Gewalt, sondern das Mandat seiner Position in Verbindung mit seiner fachlichen und sozialen Kompetenz: Seine fachlichen Kenntnisse machen ihn zum Chef, der sich auskennt und einen Schritt vor den Anderen ist. Die soziale Kompetenz befähigt ihn, auf sein Team einzugehen, Konflikte und Krisen zu erkennen und Strategien zu ihrer Lösung anzuregen. 

 

[1] Hannah Arendt, Macht und Gewalt. R.Piper&Co. Verlag, 1969/70

[2] Claudia Simone Dorchain, Die Gewalt des Heiligen.Legitimationen souveräner Macht. Königshausen und Neumann. 2012

 

Autor: Hubert Arnim-Ellissen