Der Begriff „Tradition“ geht auf das lateinische Verb tradere zurück. Das bedeutet zunächst einmal so viel wie „weitergeben“. Tradition: Damit verbinden wir Umgangsformen, Gewohnheiten, Rituale, Kleidungsstile, die sich vor längerer Zeit herausgebildet und entweder die Zeit überdauert haben bzw. irgendwann wiederentdeckt wurden oder verloren gegangen sind. In diesem Sinne wurde oder wird tatsächlich etwas weitergegeben.

Über die Zeit hinweg beziehen sich Menschen, Gemeinschaften, Kulturen auf von allen geteilte, sich wiederholende Formen des Miteinander-Umgehens, des Sich-Verhaltens, des Sprechens, Sich-Kleidens, des Essens, Bauens und Wohnens.

Jeder Mensch wächst mit bestimmten Traditionen auf, nicht selten mit mehr als einer, wenn zum Beispiel die Eltern aus verschiedenen Ländern kommen oder woanders hingezogen sind.

Da Tradition zunächst vor allem über äußere Formen weitergegeben wird, konzentriert sich das Nachdenken darüber oft auf das Was: auf bestimmte Gegenstände, Rituale, Symbole, Farben, Sprachen, Dialekte, die Identität stiften und erhalten sollen. Aber ist es wirklich genug, zu wissen, welche Farben meine National- oder Regionalfarben sind, wie die Kleidung meiner Region beschaffen ist, welche Lieder gesungen werden, wie der Dialekt klingt, welche Schriftstellerinnen, Künstler oder Komponisten die Sprache und Kultur meiner Heimat geprägt haben? Wenn man sich bemüht, das Charakteristische an den angeführten Bestandstücken von Traditionen zu erfassen, wird man schnell bemerken, dass es sich bei diesen Formen von Identität durch Tradition vor allem um Abgrenzungen handelt. Der Dialekt klingt anders als derjenige der Nachbarregion, die Farben sind anders als bei den anderen, die Rituale unterscheiden sich so und so usw.

Doch um Tradition zu schaffen und zu erhalten, dürfen wir nicht bei den starren Formen stehen bleiben, denn diesen kommt irgendwann einmal der Inhalt abhanden und dann sterben Traditionen meistens aus. Es ist wohl kein Zufall, dass das lateinische Verb „tradere“ auf höchst unterschiedliche Arten des Weitergebens bezogen werden kann. Es meint nicht nur die mechanische Weitergabe einer Regel oder einer Auffassung, die nicht verändert werden soll: „So wird es gemacht und nicht anders!“.

„Tradere“ bezieht sich auf offene Arten des Weitergebens wie das vertrauensvolle Überlassen, die Weitergabe von etwas an andere zu deren freier Verfügung. Und es kann auch in durchaus heiklen Bedeutungen verwendet werden, wie zum Beispiel der Auslieferung einer Person oder der Preisgabe im Sinne eines Verrates (eines Geheimnisses zum Beispiel). Kurz, es kommt nicht nur darauf an, was weitergegeben wird, sondern auch auf das Wie.

Wenn also manchmal beklagt wird, irgendjemand habe diese oder jene Tradition verraten, dann könnte man darauf erwidern: „Nun, dass es dazu kommen kann, ist im Sinn dieses Wortes angelegt.“ Wir vermeinen oft, über eine Tradition zu verfügen, indem wir uns mechanisch an bestimmte Regeln und Rituale halten. Doch diese Fixierung auf Gegenstände, auf Symbole, die eine bestimmte Identität herstellen, ist ein zum Scheitern verurteilter Versuch, Tradition als etwas Einheitliches, Klares, Unveränderliches zu begreifen.

Wenn Tradition darin besteht, etwas weiterzugeben, dann geht dieses Etwas notwendigerweise durch viele Hände. Und man kann nicht sagen, was daraus wird. Wir können nur darauf vertrauen, dass andere – jene, die nach uns kommen – sorgsam mit den Formen und Symbolen umgehen, die für uns wichtig sind. „Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche.“ Dieser Spruch verweist darauf, dass zu der äußeren Form auch eine innere Haltung gehört. Diese müssen sich die Menschen immer wieder aufs Neue aneignen, und man kann nicht vorhersehen, was dabei herauskommt. Deshalb sind auch Auseinandersetzung und Konflikt wichtig, um Traditionen am Leben zu erhalten. Denn gestritten wird ebenfalls nicht nur über das Was, sondern auch über das Wie, und das ist oft produktiver. Es braucht dieses Wie, um zwischen äußerer Form und innerer Haltung zu vermitteln. Tradition braucht diese Vermittlung, die nicht in einem Eintrichtern besteht, sondern im Hinterfragen, in der lebendigen Auseinandersetzung zwischen den Stiftern und den Nachfolgern. Durch Beobachten und Lernen entsteht Tradition. Doch darüber ein andermal.

 

Autor: Klaus Neundlinger