Ich hatte ja schon immer den Verdacht, dass Außerirdische ziemlich komisch sind. Da hilft es wenig, wenn wir sie mit Bezeichnungen wie „Marsmensch“ verniedlichen. E.T. bleibt E.T. und ist einfach anders. Außerirdische sehen nicht nur nicht so aus wie wir, sondern denken wohl auch ganz anders als wir. Überhaupt können wir gar nicht so genau sagen, was Außerirdische so tun, wenn sie „denken“.

Einmal ist mir einer über den Weg gelaufen. Er hatte irgendwo das Wort „Stadt“ aufgeschnappt und versuchte herauszufinden, was unter dieser menschlichen Lebensform zu verstehen ist. Er hatte mit einigen Leuten gesprochen und gehört, dass es mittlerweile nicht nur Groß- und Kleinstädte, Hauptstädte, Hafen-, Industrie- und Kulturstädte geben soll, sondern auch „Smart Citys“, „intelligente“ Städte. Eine intelligente Lebensform. Das interessierte ihn. „Weißt du, wenn ihr über uns Außerirdische sprecht, dann verwendet ihr auch diesen Begriff. Ihr unterhaltet euch darüber, ob es außerhalb der Erde irgendwo noch intelligente Lebensformen geben kann. Und jetzt möchte ich von dir wissen, wann eine Stadt ‚intelligent’, eine Smart Cityist.“

Smart City – Die intelligente Infrastruktur für individuelle Bedürfnisse?

Ich musste ein wenig ausholen, um ihm zu erklären, dass Städte in gewisser Weise immer schon „Smart Citys“ waren, weil sie Strukturen und Infrastrukturen bereitstellen, die es vielen Menschen erlauben, auf recht engem Raum zusammenzuleben: Straßen und Verkehrssysteme, Wasser-, Kanal- und Energieversorgungssysteme, Müllentsorgung, verdichteter Wohnbau, Handel, Schulen, Universitäten, Arbeitsplätze.

Und damit all die Wege und Bedürfnisse, die in einer Stadt täglich hunderttausendfach anfallen, noch besser organisiert werden können, entwickelte man jetzt, im Zeitalter der Digitalisierung, jede Menge Apps. Diese sollen Daten verknüpfen, Informationen verarbeiten, messen und dabei helfen, aus den vielen Möglichkeiten die effizientesten herauszufiltern. Menschen, Institutionen, Maschinen und Dienstleistungen sollen möglichst gut miteinander vernetzt werden.

Was das konkret heiße, wollte er wissen. Ich nannte ihm das Beispiel der Wege, die man in der Stadt zurücklegen muss: Menschen müssen zur Arbeit, zur Schule, zum Einkauf. Viele verwenden dazu öffentliche Verkehrsmittel, andere ihr eigenes Auto. Ich erklärte ihm, dass man nun versuchen könne, die individuellen Bedürfnisse nach Ortsveränderung noch effektiver zu gestalten, indem die Menschen ihre Apps dazu nutzen. Auch die Autoproduzenten hätten das schon verstanden, und nun würden sie versuchen, mittels der Integration digitaler Anwendungen den Menschen nicht mehr nur Fahrzeuge, sondern die integrierte Dienstleistung „Mobilität“ zu verkaufen. Vielleicht bräuchten die Menschen, um mobil zu sein, kein eigenes Auto mehr, sondern nur noch den Zugriff auf Fahrzeuge, die möglichst in ihrer Nähe bereitstünden. Um diese Autos in der „Smart City“ zu finden und zu benutzen, bräuchten sie bloß noch ihr Handy.

Oder: „Smart City“ – die intelligente Infrastruktur für kollektives Handeln

Der Außerirdische sah mich groß an. „Weißt du“, meinte er, „das ist interessant. Das nennst du „Smart City“. Andere Menschen haben mir erzählt, dass die Lebensqualität in Städten unter Verkehrsaufkommen, Lärm und Abgasen leidet. Noch dazu nehmen geparkte Autos viel Platz in Anspruch. Und als ich durch die Straßen gegangen bin, habe ich gesehen, dass in den vorbeifahrenden Autos meistens nur eine Person sitzt. Jetzt frage ich mich: Könnte man diese Apps nicht dazu verwenden, dieses Problem zu lösen? Also dass sich die Leute nicht einzeln, sondern gemeinsam organisieren, um ihre Ziele zu erreichen?“

Komisch, diese Außerirdischen. Die glauben doch tatsächlich, dass man mit smarten, digitalen Lösungen kollektive Probleme angehen könnte. Dass Städte nicht dadurch intelligenter werden, dass man die Befriedigung individueller Bedürfnisse nun durch Apps abzudecken versucht.

Sondern dass man alle Auswirkungen dieser Bedürfnisbefriedigung einbeziehen muss: zum Beispiel die Tatsache, dass der Verkehr für fast die Hälfte der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist; oder den Umstand, dass parkende Autos wertvollen städtischen Raum besetzen, den man auch anderweitig nutzen könnte; oder die Tatsache, dass die Leute viel weniger gestresst zur Arbeit kommen, wenn sie sich zu kleinen Fahrgemeinschaften zusammenschließen, also nur ein- bis zweimal pro Woche selbst am Steuer sitzen, und das bei viel geringerem Verkehrsaufkommen.Wie sie bloß darauf kommen, dass das auch etwas mit „Smart City“ zutun hat, diese Außerirdischen. Smarte kollektive Lösungen …

 

Autor: Klaus Neundlinger