Oder: wie groß der Fortschritt wirklich ist …

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein legte 1918 unter dem Titel „Tractatus logico-philosophicus“ ein schmales Werk vor, in dem er zu zeigen versuchte, dass es sich bei vielen philosophischen Fragen und Problemstellungen um „Missverständnisse“ handle, die auf einem nicht durch die Logik begründeten Umgang mit Sprache beruhten. Ein Aussagesatz wie: „Dieser Tisch ist aus Holz.“ kann wahr oder falsch sein, weil er eine bestimmte logische Form hat und weil sein Inhalt verständlich und überprüfbar ist.

Die Philosophie hat aber immer wieder Sätze hervorgebracht, denen eine solche Überprüfbarkeit abgeht: „Das Wahre ist das Ganze.“, um einen Satz von Hegel als Beispiel zu nehmen, wäre solch eine Aussage, die laut Wittgenstein fortan nicht mehr als philosophische Wahrheit gelten sollte, sondern als unklare Behauptung, der in der Wirklichkeit kein Sachverhalt entspricht.

Wittgenstein war davon überzeugt, eine disruptive Wende in seinem Fach herbeigeführt zu haben. Viele Philosophinnen und Philosophen bestimmten in der Folge immer genauer, wie man die Wirklichkeit möglichst präzise beschreiben kann, indem man sorgfältig analysiert, was die logischen und sprachlichen Formen sind, die es dem menschlichen Denken ermöglichen, die Wirklichkeit zu erkennen und zu beschreiben. Wittgenstein glaubte, die wesentlichen Probleme der Philosophie gelöst zu haben. „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“, so sein Fazit im Vorwort des Tractatus.[1]

Doch bald schon kamen ihm an diesem Urteil, das scheinbar keinen Widerspruch duldete, Zweifel. Er begann, über die Verwendung der Sprache im Alltag nachzudenken, und entdeckte immer mehr, dass sie sich nicht auf jene Klarheit reduzieren lässt, die er im Tractatus gefordert hatte.

Denn mit der Sprache drücken wir viele Dinge aus. Wir verwenden sie nicht nur zum Beschreiben dessen, was wir sehen, hören oder fühlen. Und wir können mit den vielfältigen Weisen, Sprache zu verwenden, trotz ihrer Vieldeutigkeit umgehen. Wir finden uns im alltäglichen Sprachgebrauch auch ohne logische Analyse durchaus zurecht.

Am Ende von Wittgensteins philosophischer Karriere stand ein aus vielen Seiten bestehendes Werk mit verschlungenen Überlegungen und tastenden Versuchen, dem Wirrwarr des alltäglichen Sprachgebrauches so etwas wie „Regelhaftigkeit“ abzuringen.

Das bekannteste Werk aus seiner späteren Zeit sind die „Philosophischen Untersuchungen“ (1945), genauso wie der Tractatus eines der bedeutendsten Bücher der Philosophie des 20. Jahrhunderts – und ebenso „disruptiv“. Dieses Werk ist voller Reflexionen darüber, wie unterschiedlich und vielfältig sprachliche Ausdrücke verwendet werden und wie man diese Unterschiede analysieren muss, um die Bedeutung der Ausdrücke zu klären. Es ist in seiner Herangehensweise nicht weniger revolutionär, nicht weniger disruptiv als das erste Werk Wittgensteins. Und doch ist es von einem ganz anderen Geist getragen. Während man beim Lesen des Tractatus den Eindruck hat, die Sprache müsse nur so verwendet werden wie eine Maschine, die überprüfbare wahre und falsche Sätze ausspuckt, vergleicht Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen die Sprache mit Spielen, die ein offenes Regelwerk haben, das man erlernen kann, das aber auch veränderbar ist. In einer berühmten Passage vergleicht er die Sprache mit einer alten Stadt: „Ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern, und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten; und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern.“

So hat Ludwig Wittgenstein zweimal zu ein- und derselben Disruption beigetragen, die nicht nur seine Disziplin, sondern auch andere wie die Anthropologie und eine Reihe von Geistes- und Sozialwissenschaften grundlegend verändert hat. Diese epochale Veränderung wurde später unter dem Begriff „linguistic turn“ bekannt.

Wittgenstein selbst erlebte seinen Blick auf Sprache und Wirklichkeit als einen Wandel von der Gewissheit zum Zweifel, von der vermeintlichen Eindeutigkeit zur Beschäftigung mit Mehrdeutigkeit. Diesen Weg von der Gewissheit zum Zweifel hielt er ironisch-augenzwinkernd fest, indem er den „Philosophischen Untersuchungen“ ein Zitat von Johann Nestroy voranstellte: „Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.“

In Bezug auf disruptive Entwicklungen, so scheint es, muss man wohl diese beiden Blicke, die beiden Haltungen zusammenbringen: den Sinn für das Störende, Zer- und Unterbrechende, für das Loslösen von gewohnten Handlungs- und Denkweisen; und den skeptischen Blick, der in der Folge all den Problemen, Nuancen und Unwägbarkeiten nachgeht, die durch die Wucht des „Zerplatzens“ und „Zerreißens“ zunächst verdeckt werden.

Vielleicht steht in Bezug auf die disruptive Veränderung der Digitalisierung auch zunächst der Aspekt des radikalen Wandels im Vordergrund. Doch nehmen uns die Maschinen, die Algorithmen, die Technologien, die entwickelt wurden und werden, nicht die Verantwortung ab, diesen Wandel zu gestalten. Fragen, Suchen und Zweifeln sind dabei durchaus gerechtfertigte Mittel.

 

Autor: Klaus Neundlinger

 

[1] Ludwig Wittgenstein (1918): Tractatus logico-philosophicus. Werkausgabe Band 1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984, S. 9.