Dass der Wahnsinn „System hat“, dass es so etwas gibt wie den „ganz normalen Wahnsinn“, sind heutzutage gebräuchliche Redensarten. Urteile dieser Art fällen wir oft, wenn wir die Welt um uns betrachten. Der technische Fortschritt hat Dimensionen angenommen, die uns vor unendlich viele Möglichkeiten, Entdeckungen, Erkenntnisse stellen. Gleichzeitig ist aber auch das Problembewusstsein gegenüber den Entwicklungen der modernen Technik sehr ausgeprägt. Angesichts nicht nur automatisierter, sondern auch informatisierter Prozesse der Produktion und Leistungserstellung, angesichts lernender Maschinen und künstlicher Intelligenz, angesichts immer ausgereifterer Formen der Interaktion von Maschinen untereinander drängt sich die Frage auf, wie wir in diesen Prozessen unsere Verantwortung übernehmen können und sollen.

Welche Erwartungen, welche Hoffnungen, welche Befürchtungen haben wir? Wähnen wir uns in Sicherheit und Chancenreichtum, oder überwiegt die Angst vor den unkalkulierbaren Folgen einer weitgehend maschinen- und computergetriebenen Welt?

Doch bei weitem nicht alle Bereiche der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens haben mit diesen fortgeschrittenen Formen der Produktion, die unter dem Begriff Industrie 4.0 zusammengefasst werden, unmittelbar zu tun. Die neuen Kommunikationstechnologien beiehungsweise die algorithmische Durchdringung der Welt durch das Web 2.0 und 3.0 sind der Erfahrungswelt der meisten Menschen viel näher.

Wähnen wir uns mit den sozialen Medien im Herzen der modernen Beziehungsgestaltung in Sicherheit oder schreckt uns das Bewusstsein ab, dass unsere beruflichen und privaten Fähigkeiten, unsere Gewohnheiten und Verhaltensweisen über die im Hintergrund laufenden Programme nicht nur vollkommen durchleuchtet, sondern verändert und regelrecht geformt werden? Und wie wahnsinnig ist das denn?

Erwartung, Hoffnung, Meinung – natürlich sind dies alles Einstellungen, die die Gefahr der Täuschung, des Ge- und Enttäuschtwerdens in sich bergen.

Wer hofft, wer erwartet oder seine Meinung zum Ausdruck bringt, kann sich irren, kann in seinem Urteilsvermögen geschwächt, eingeschränkt oder fehlgeleitet sein.

Es kann damit enden, dass einer fest davon überzeugt ist, alle hätten sich gegen ihn verschworen. Doch ist diese Möglichkeit, diese Gefahr ein ausreichender Grund dafür, zu versuchen, das menschliche Urteilsvermögen als solches aus unseren Abläufen auszuschließen? Nein, denn dann würde der Wahnsinn mit System sich gänzlich durchsetzen.

Die Verbindung von Wahn und Sinn bedeutet, dass erwartet, gehofft, vermutet werden darf.

Diese ursprünglichen Bedeutungen von Wahn werden durch die beste Software nicht wegprogrammiert werden können. Es darf gehofft werden bedeutet, dass wir uns der Krisenanfälligkeit und Zerbrechlichkeit unserer Systeme stellen wollen – mit Herz und Verstand, mit Urteilsvermögen, von dem wir wissen, dass es auch mal daneben liegen kann.