Roman Halter war Maler, Bildhauer, Architekt und Schriftsteller. Er stammte aus Chodeczin Polen, wo er 1927 geboren wurde. Während seine gesamte Familie in einem Konzentrationslager ermordet wurde, gelang ihm als Kind zunächst die Flucht. Später wurde er von den Nationalsozialisten zusammen mit 2800 anderen Menschen in einem der unzähligen Züge, die aus Viehwaggons bestanden, nach Auschwitz deportiert. Dort rettete ihm abermals ein Zufall das Leben, nämlich die Tatsache, dass einer der Deportierten einen Brief bei sich hatte, in dem stand, dass er mit ein paar Hundert weiteren jungen Männern als Metallarbeiter in eine Rüstungsfabrik in Dresden verbracht werden sollte, anstatt in eine Gaskammer geschickt zu werden. Die letzten Kriegsmonate in Dresden überlebte er, weil ein deutsches Ehepaar ihn und zwei weitere jüdische Männer bei sich versteckte.

Roman Halter entging also mehrfach dem sicher scheinenden Tod und kam nach Kriegsende über ein jüdisches Hilfsprogramm nach England. Er lernte dort seine Frau kennen, eine aus Ungarn stammende Jüdin; beide waren Schwimmer, die an Wettbewerben teilnahmen und auch Preise errangen. Das Paar übte diese Sportart bis ins hohe Lebensalter aus. Halter schloss nach dem Krieg in England die Schule ab, begann zu arbeiten und studierte Architektur. Er führte zusammen mit Kollegen zwei Architekturbüros, gab diese Arbeit jedoch in den 1970er Jahren auf, um sich der Aufarbeitung seiner Erlebnisse, seines Überlebens zu widmen.

Dafür verbrachte er einige Zeit in Israel, wo er schrieb, malte und als Bildhauer sowie als Architekt arbeitete und Gestaltungsarbeiten für die Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem übernahm. Unter anderem gestaltete er auch Buntglasfenster für das Leo Baeck College in Haifa. Dabei kam ihm sein Wissen in Bezug auf Gusstechniken zugute. Über sein künstlerisches Konzept zu den Fenstern sagte er in einem Radiointerview:

„Sie sollen daran erinnern, dass das Wesen dieser Welt auf vier Prinzipien beruht: dem Beobachten, dem Lernen, der Tradition und der Gerechtigkeit.“

Wie viele Überlebende der Shoah war Halter offensichtlich davon geprägt, sein glückliches Überleben in eine Beziehung zum Tod nicht nur seiner gesamten Familie, sondern der 6 Millionen Juden zu setzen, die von den Nazis ermordet worden waren. Hier eine „sinnvolle“ Beziehung herzustellen ist allerdings nicht möglich. Man kann keinen „Grund“ anführen, warum er überlebt hat und so viele andere nicht. Dennoch gab ihm sein Großvater einen Auftrag mit: „Wenn du überlebt haben wirst, dann rede deutlich über die Vergangenheit, weil die Juden ermordet werden. Werde nicht sentimental, phantasiere nicht rum, erfinde nichts, sag einfach, wie es war. Schließlich müssen wir eine bessere, eine gesundere Welt aufbauen.“

Halter schrieb zwanzig Jahre an seinen Erinnerungen. Dass diese 2007 in Buchform herauskamen, verdankt er nicht zuletzt einer seiner Töchter, die die Flut an Erinnerungen ordnete und in eine lesbare Form brachte. Eine andere Tochter ließ sich von der Malerei zu einer Reihe von Holzschnitten inspirieren.

Beobachten, Lernen, Tradition und Gerechtigkeit. All dies ist in den drei Generationen dieser Familie anwesend. Angesichts des Unaussprechlichen der Holocaust-Erfahrung ist es zu einer bemerkenswerten generationenübergreifenden Arbeit des Erinnerns gekommen, die dem Versuch der Auslöschung standhielt und dabei die eigene Tradition sowohl bewahrte als auch dieser Neues hinzufügte. Ausgehend vom Auftrag seines Großvaters, der Beobachtung dessen, was und wie es passiert ist, hat Roman Halter zunächst künstlerische Formen gefunden, die traumatischen Erfahrungen für sich selbst zu bearbeiten; in Form von Gemälden, Skulpturen und Architektur. Über seinen Israelaufenthalt hat er diese kreative Arbeit in eine lebendige Tradition eingeschrieben. Er hat nicht nur für die Gedenkstätte Yad Vashem gearbeitet, sondern auch die Fenster einer Schule gestaltet, die für ein in der Religion verankertes, aber zugleich liberales, offenes Judentum steht. Dann hat er seine Erinnerungen niedergeschrieben, damit diese und künftige Generationen aus seinen Beobachtungen lernen können. Diese wurden von seinen Töchtern weiter aufgearbeitet.

Um zu lernen, müssen wir uns immer mit der Tradition auseinandersetzen. Mit den Menschen, die vor uns gelebt haben.

Um schließlich die Frage nach der Gerechtigkeit anzugehen, müssen wir das Gelernte auch immer wieder in Frage stellen, zum vorurteilsfreien Beobachten zurückkehren. Denn der Anspruch der Gerechtigkeit verbindet uns mit unseren Mitmenschen, und auch mit den künftigen Generationen.

 

Autor: Klaus Neundlinger